#3 Was sind Introversion und Extraversion?

Woher nimmst Du Deine Energie?

Auch wenn wir im Außen scheinbar in einer gemeinsamen Welt leben – im Innern sind es viele verschiedene Welten.
Wie wir die Welt wahrnehmen, verarbeiten und uns dann entsprechend verhalten, hängt natürlich von vielen Faktoren ab. Ein wesentliches Persönlichkeitsmerkmal ist dabei die Art, wie wir Energie tanken.
In diesem Beitrag betrachten wir diese Qualitäten genauer. Und vielleicht findest Du Dich beim Lesen schon so gut wieder, dass Du eine eindeutige Tendenz spürst. Dann schreib das gern in die Kommentare.

Was ist der Unterschied zwischen Introversion und Extraversion?

Zunächst einmal: Diese wissenschaftlichen Begriffe sind neutral und nehmen keine Wertung vor. Und egal auf welcher Seite dieser Persönlichkeitsdimension Du Dich am Ende dieses Artikels einordnen würdest, das sagt noch nichts über Dein persönliches Wohlbefinden aus.

Und tatsächlich gibt es es auch Menschen, die sich keinem der beiden Pole zuordnen lassen. Diese werden dann als ambi- oder zentrovertiert bezeichnet. Hier siehst Du das Ergebnis aus meiner Persönlichkeitsanalyse mit dem LPP. Dort ist ersichtlich, dass meine Intro-Extro-Merkmale sehr ausgewogen sind. Das hätte ich übrigens früher anders gesagt und mich mehr auf der extravertierten Seite gesehen. In der Retrospektive allerdings wird schnell klar, dass ich auch früher schon intro „konnte“. 

Wie interagierst Du mit deiner sozialen Umwelt?

„Vertere“ kommt aus dem Lateinischen und bedeutet „wenden“. Daher ist introvertiert mit „nach innen gewandt“ und extravertiert mit „nach außen gewandt“ zu übersetzen. Diese Persönlichkeitsdimension beschreibt also, wie wir den Kontakt zu unseren Mitmenschen gestalten. 

Dabei ist eine Schlüsselfrage: Woher kommt Deine Energie? 

Tatsächlich geht es hier um mehr als lediglich erlerntes Verhalten (Bitte/Danke sagen z. B. lernen wir als sozial erwünscht). Es geht vielmehr um ein Persönlichkeitsmerkmal, mit dem wir bereits geboren werden. Zumindest mit einer Tendenz. 

Natürlich verfügt jeder Mensch sowohl über intro- als auch extravertierte Eigenschaften. Und so ist es auch viel sinnvoller dies als ein Kontinuum zu sehen, das eben zwei extreme Pole hat. Alle Bandbreiten sind normal und gesund. Bist Du allerdings nur auf einem dieser beiden Extreme unterwegs, hast Du vielleicht ein größeres Unwohlsein. Definitiv ungesund ist es allerdings permanent außerhalb der persönlichen Komfortzone zu leben. Daher ist es so hilfreich zu wissen, wie Du selbst gestrickt bist.

Intro- oder Extraversion sind natürlich auch situationsabhängig. Denn je nach Lebenssituation werden von uns unterschiedliche Verhaltensweisen gefordert. Und ob wir uns so oder anders verhalten, hat nichts damit zu tun, woher wir die Energie beziehen, sondern mit Intelligenz oder Disziplin. Du kannst nämlich jederzeit frei entscheiden, wie Du Dich verhältst.

Und so gesehen ist es dann überhaupt keine sensationelle Erkenntnis mehr, dass es viele Menschen in der Öffentlichkeit gibt, die feurige Reden halten, verrückte Rockkonzerte geben oder expressive Schauspieler*innen sind. Und doch sind sie Intro. Loriot oder auch Mutter Theresa sind hier nur zwei Beispiele von vielen.

Kulturell gesehen leben wir in Deutschland und anderen europäischen Ländern – vor allem auch in den USA – in einer Extro-Welt. Schweigen während einer Unterhaltung wird meistens eher unangenehm empfunden. Das gehört jedoch in einer Intro-Welt – wie z. B. in Japan – zu einem normalen Gespräch dazu.

Und noch eines verändert sich in diesem Kontinuum im Laufe des Lebens. Man wird gemäßigter und extrovertierte Menschen erhalten meistens mehr Zugang zu ihrer Introversion. Denn sie hilft zu reflektieren und über Deine Werte und Sinn nachzudenken.

Obwohl also einige Faktoren wie die aktuelle Situation, das kulturelle Umfeld und auch das Lebensalter Einfluss nehmen, kann man dennoch feststellen: Introversion bzw. Extraversion sind ein relativ stabiles Persönlichkeitsmerkmal. Das könnte wohl auch daran liegen, dass selbst die Hirnphysiologie von Intros und Extros unterschiedlich ist. Es dominieren unterschiedliche Botenstoffe (Neurotransmitter). Das hat wiederum Auswirkungen auf das vegetative Nervensystem. 

Moment, wieso extravertiert? Alle reden doch von Extros?

Bist Du auch drüber gestolpert? Ja, tatsächlich heißt es fachlich richtig extrAvertiert. Es hat sich aber umgangssprachlich extrOvertiert durchgesetzt. Und wenn ich von Intros und Extros schreibe, hört sich das auch irgendwie stimmiger an. Außerdem lässt es mein Gehirn nicht über das Wort „Extras“ stolpern, das bei mir deutlich was anderes meint. Geht Dir vielleicht auch so?! 

Die wesentlichen Merkmale einer introvertierten Persönlichkeitsstruktur

Introvertiert

Ich beginne bewusst mit den Introvertierten. Denn üblicherweise spielen sich diese Menschen in sozialen Situationen nicht in den Vordergrund. Sie hören zu, beobachten das Ganze und bilden sich ihre Meinung.

Begegnungen mit vielen Menschen, auf Partys, großen Veranstaltungen oder auch Familienfeiern, führen bei Intros schneller zu einem Ruhebedürfnis. Und das dann am besten allein. Sie werden eher entspannte Aktivitäten bevorzugen, wie ein Buch lesen oder malen. Und wenn schon Unternehmungen mit anderen, dann lieber ein ruhiges, tiefgehendes Gespräch zu Zweit.

Introvertierte Menschen verbringen übrigens gern Zeit allein, ohne sich dabei einsam zu fühlen. Sie laden ihren Akku durch Nachdenken und Reflektieren auf. Dabei machen sie Probleme eher mit sich selbst aus.

Intros haben ein eher gemässigtes Aktivitätsniveau. Das heißt, sie mögen kein hektisches Leben und finden Zeitdruck anstrengend. Aufgaben gehen sie ruhig und gründlich an – und gern auch allein oder mit einer anderen Person. Langeweile hingegen empfinden sie selten. 

Auch ihr Enthusiasmus ist gemässigt. Sie freuen sich eher nach innen und sind auch nicht so leicht zu begeistern. Wenn sie von etwas begeistert sind, teilen sie es anderen nicht so stark und oft mit. Das kann manchmal distanziert wirken.

Eine große Stärke der Intros ist, dass sie sozial unabhängiger sind. Sie sind nicht so sehr auf die Sympathie ihres Gegenübers angewiesen. Dennoch nehmen Sie Dinge leicht persönlich und empfinden Konflikte als belastend. Dafür entscheiden sie bewusst, wem gegenüber sie sich öffnen. Wenn Du introvertiert bist, wirst Du vermutlich nur einige wenige Vertraute haben, die Du auch Freunde nennst. 

Schüchtern oder hochsensibel – beides hat mit Introversion nichts zu tun

Schüchtern

Im allgemeinen Gebrauch wird introvertiert auch mit schüchtern gleichgesetzt. Und ja, einige Verhaltensweisen könnten auf den ersten Blick auch für schüchterne Menschen gelten. Daher lohnt sich ein zweiter Blick – gerade vielleicht von den Extros. 😉

 

Schüchternheit zeigt sich oft in einem gehemmten Auftreten. Schüchterne Menschen wirken scheu und unsicher. Sie trauen sich oft nicht viel zu und haben Sorge vor dem Urteil anderer. Sie fühlen sich den Begegnungen mit anderen nicht gewachsen. So kann es Intros wie Extros gehen.

Ebenso wenig hat die Art, wie man Energie auftankt, mit Hochsensibilität zu tun. HSP (HochSensible Personen) zeichnen sich durch eine außerordentliche Empfindlichkeit des Nervensystems aus. Sie reagieren empfindlicher auf äußere Umwelteinflüsse wie Geräusche, Licht, Gerüche, Hitze oder Kälte, Lärm usw. Gleichzeitig bringen Sie ein besonderes Einfühlungsvermögen mit. Damit liegt nahe, dass wohl viele HSP gleichzeitig auch introvertiert sind. Aber nur ca. 70% gemäß der Psychologin Elaine Aron. Die anderen 30% sind also HSP und extrovertiert. 

Die auffälligsten Merkmale von extravertierten Menschen

Extravertiert/Extrovertiert

So, die Extros sind jetzt vielleicht schon ganz hibbelig. 😉

Doch was macht sie aus?
Bei Veranstaltungen, auf Partys und in anderen sozialen Situationen fallen sie stärker auf als andere. Viele Redebeiträge oder auch ein recht bestimmtes Auftreten können ein Hinweis auf ihre Extraversion sein. Sie teilen relativ schnell persönliche Gedanken und Gefühle mit. Das kann auch zu offensiv wirken. Sie sind mehr nach außen orientiert und suchen oft aktiv die Gesellschaft von anderen. 

In diese sozialen Begegnungen investieren sie ihre Energie. Und dabei möchten sie von ihrem Umfeld auch positiv wahrgenommen werden. Aus ihrer Sicht haben Extros viele Freundschaften. Sie arbeiten gern gemeinsam mit anderen im Team. Und am liebsten abwechselnd an verschiedenen Projekten. Bei Konflikten nehmen sie die Dinge nicht so leicht persönlich und leiden daher auch wenig unter solchen Situationen.

Extros haben ein eher hohes Aktivitätsniveau. Sie sind ständig auf der Suche nach Beschäftigung und haben einen erheblichen Energielevel. Man erkennt Sie oft an ihrer Aktivität und einem recht hektischen und eng getaktetem Leben. Doch Zeitdruck und Deadlines bringt sie eher in Schwung. 

Wenn Du selbst extrovertiert bist, kennst Du vielleicht eine starke Erlebnisorientierung. Es geht um intensive Sinneswahrnehmungen und Nervenkitzel. Achterbahnfahren ist dann eine gute „Tankstelle“. Und ohne äußere Anregungen wird es schnell langweilig. 

Eine weitere Facette von Extros ist ihr Enthusiasmus. Sie lassen sich schnell begeistern und teilen diese Begeisterung auch aktiv mit anderen. In ihrer Spontaneität sprechen sie dann oft ohne nachzudenken. Denn ihr eigenes Denken klärt sich oft erst beim Reden. 

„Woher soll ich wissen, was ich denke, bevor ich gehört habe, was ich sage.“ 😉

Dafür sind sie wirklich vielseitig interessiert. Allerdings nicht so sehr in die Tiefe.

So findest Du heraus ob Du Intro, Extro oder dazwischen bist

Jeder Mensch hat natürlich unzählige Facetten. Das sind ein paar wesentliche der Introvertierten und Extrovertierten. 

Die Welt braucht beides. Je klarer Du über Dich selbst Bescheid weißt, desto klarer kannst Du aktiv einen – nämlich Deinen – Teil beitragen. Bist Du Dir nicht ganz sicher, wo Du Dich auf dem Kontinuum Intro-Extro bewegst, dann nutze einen wissenschaftlich fundierten Fragebogen, wie ihn der Linc Personality Profiler (LPP) bietet.

Natürlich ist so ein Persönlichkeitsprofil wie der LPP nur ein Teil des Ganzen. Papier ist geduldig und manchmal auch erklärungsbedürftig. Daher solltest Du eine Persönlichkeitsanalyse vor allem dann machen, wenn Du ein Feedbackgespräch und eine ausführliche Fragerunde zu Deinem Ergebnis erhältst.

Wie Du bei mir den LPP machen kannst, erfährst Du hier. Und wenn ihr als Paar überlegt, dass euch so ein Love-Check auf eine neue Beziehungsbasis heben kann, dann findest Du hier mehr Informationen.

Hier geht es (bald) zu anderen Beschreibungen der Dimensionen der Big Five:

Posted by Gabriele Golling

Autorin Gabi Golling: Menschen interessieren und faszinieren mich. Und daher interessiere ich mich für alles Menschliche, persönliche Entwicklung und für mehr Leichtigkeit im Leben.🎈 In meiner Arbeit in Seminaren, Workshops und im Einzelcoaching steht für mich die mentale Gesundheit 🧠 im Vordergrund. Gute und wertschätzende Kommunikation und das Wohlbefinden aller liegt mir am Herzen. 💚

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